Traumatisierung

Mit freundlicher Genehmigung des Frauennotrufs München:

Eine Vergewaltigung oder ein Vergewaltigungsversuch gehört zu den schmerzvollsten Erfahrungen, die eine Frau in ihrem Leben machen kann. Frauen reagieren auf eine Vergewaltigung oder einen Vergewaltigungsversuch so unterschiedlich wie Frauen in ihrer Persönlichkeit verschieden sind. Daher gibt es keine allgemeingültigen, vorhersagbaren Verhaltensweisen auf eine Vergewaltigung und auch keine richtigen oder falschen Reaktionen. Die einen reagieren äußerlich ruhig und gefasst, andere weinen, sind völlig durcheinander, verwirrt und verzweifelt. Manche fühlen sich erstarrt, verstört und leer, als ob sie innerlich tot wären. Was viele Frauen kennen, sind Gefühle der Angst, der Ohnmacht, Erniedrigung und Beschmutzung, das Vertrauen in sich selbst und in die Welt ist erschüttert, der Glaube an die eigene Sicherheit beeinträchtigt. Viele Überlebende fühlen sich schuldig und schämen sich. In den Wochen und Monaten nach einer Vergewaltigung gibt es jedoch immer wieder auch Zeiten, in denen das Erlebte fast völlig vergessen wird, so als ob nichts geschehen wäre.

Aufgrund der seelischen Verletzung, die mit einer körperlichen Gewalteinwirkung zu vergleichen ist, sprechen Fachleute auch von einer psychischen Traumatisierung. Damit wird zum Ausdruck gebracht, dass äußerlich nicht sichtbare seelische Folgen mindestens so schwerwiegend sind wie körperliche Verletzungen nach Gewalttaten. Die traumatischen Folgen einer Vergewaltigung sind vergleichbar mit denen einer Geiselnahme oder einer Naturkatastrophe.

Folgen von sexualisierter Gewalt

Wie sich ein sexuelles Trauma auf das Leben einer Frau auswirkt, kann jeweils sehr unterschiedlich sein und ist von vielen Faktoren abhängig.

Unmittelbar reagieren viele Frauen mit einem Schockzustand, wirken desorientiert und handlungsunfähig, die Wahrnehmung kann eingeschränkt, die Konzentrations- und allgemeine Funktionsfähigkeit stark reduziert sein. Andere wirken sehr ruhig, fast unberührt oder überkontrolliert; wieder andere reizbar, wütend und aggressiv oder ängstlich und verzweifelt; viele ziehen sich zurück. Neben starker Erregung, Nervosität, Schreckhaftigkeit, Reizbarkeit, Angst und emotionaler Betäubtheit sind ständiges unfreiwilliges Wiedererleben der Gewalterfahrung – sogenannte Intrusionen – sowie der Versuch, genau dies zu vermeiden, typische Folgen einer Traumatisierung. Die unterschiedlichen Reaktionsweisen können sich auch abwechseln. Alle diese Reaktionen sind völlig normal, irritieren und überfordern aber häufig die Bezugspersonen.

Oft tritt nach einer gewissen Zeit eine scheinbare Normalisierung ein, während der die Frauen versuchen, das Trauma zu vergessen bzw. zu verdrängen.

Sämtliche Folgen von extrem belastenden Erlebnissen sind normale Reaktionen auf unnormale Ereignisse und gehen oftmals mit dem Gefühl, verrückt zu sein/ zu werden einher.

Es gibt Frauen, die keine konkreten Erinnerungen haben und trotzdem mit einer diffusen Ahnung leben. Das Verdrängen von schmerzvollen Erfahrungen ist ein sinnvoller Schutz, den unsere Seele einsetzt, um überleben zu können.
Viele Frauen denken auch, dass die Übergriffe nicht „schlimm genug“ oder „nur“ einmalig waren und dass sie die Gewalterfahrung nicht so ernst nehmen sollten. Entscheidend ist jedoch nicht, was passiert ist, sondern welche Gefühle es ausgelöst hat und welche Folgen immer noch spürbar sind.

Typische Langzeitfolgen sexueller Gewalt sind ein gestörtes Selbstwert- und instabiles Identitätsgefühl, chronische Scham- und Schuldgefühle, Ängste, Depressionen bis hin zu Suizidalität, dissoziative Störungen, Abspaltung der Gefühle und eine dadurch erhöhte Gefahr, wieder Opfer oder auch Täterin zu werden, psychosomatische Beschwerden, ein negatives Verhältnis zum eigenen Körper, selbstverletzendes Verhalten, Sucht, sexuelle Schwierigkeiten, Beziehungsprobleme, gewalttätige Beziehungen, sozialer Rückzug, Isolation, eine feindliche, misstrauische Haltung der Welt und anderen Menschen gegenüber sowie ein chronisches Gefühl der Leere und Hoffnungslosigkeit. Häufig führt die Gewalterfahrung auch zu ökonomischen Problemen, da viele Frauen langfristig nicht arbeitsfähig sind, ihre Ausbildung abbrechen, ihren Wohnort wechseln und z.B. durch Therapie- oder Prozesskosten finanziell stark belastet sind.

Wenn Sie immer wieder von den Erinnerungen eingeholt werden und unter den Auswirkungen leiden, haben Sie den Mut, sich an uns zu wenden und sich Unterstützung zu holen – unabhängig davon, wie lange der Übergriff her ist. Auch nach Jahren können Sie lernen, mit den Auswirkungen der erlittenen Gewalt umzugehen und das traumatische Geschehen zu verarbeiten.