Nach einer Vergewaltigung

Mit freundlicher Genehmigung des Frauennotrufs Deggendorf:

Vergewaltigung ist eines der schlimmsten Gewaltver­brechen von Männern an Frauen. Jede Frau kann davon betroffen werden.

Nach einer Vergewaltigung sind einige wesentliche Punkte unbedingt zu beach­ten, damit Ihnen aus der Situation nicht noch mehr Nachteile entstehen.

Auch wenn Sie sich nicht sicher sind, ob Sie Anzeige erstatten möchten oder nicht, halten Sie sich diese Möglichkeit offen, indem Sie die folgenden Punkte beachten:

  • Heben Sie mögliche Beweismittel auf (z.B. zerris­sene, beschmutzte Kleidung, Unterwäsche, Tampons, Slipeinlagen, Bettlaken, Handtücher usw.). Wäsche­stücke mit Sperma oder Blutspuren sollten ungewa­schen und getrennt aufbewahrt werden.
  • Duschen oder baden Sie nicht vor der ärztlichen Untersuchung, auch wenn es Ihnen schwerfällt, sonst gehen wichtige Beweismittel verloren (z.B. Blut- und Spermaspuren).
  • Fertigen Sie ein Gedächtnisprotokoll des Tather­gangs an, damit Sie im Falle einer Anzeige genaue Angaben machen können. Erinnern Sie sich an den genauen Tatverlauf und erstellen Sie eine Täterbe­schreibung, wenn Sie den Täter nicht namentlich kennen (z.B. über Größe, Gewicht, Körperbau, Haar­farbe, Augenfarbe, Kleidung, Bart, Dialekt, Stimmlage usw.). Erinnern Sie sich an mögliche ZeugInnen, auch solche, an die Sie sich unmittelbar nach der Tat gewandt haben.
  • Ärztliche Untersuchung. Gehen Sie möglichst sofort, am besten innerhalb der nächsten Stunden, spätestens bis zu 24 Stunden später (sonst ist kein Spermanachweis mehr möglich) zu einer Frauenärztin Ihres Vertrauens. Auf Wunsch begleitet Sie eine Notrufmitarbeiterin. Auch wenn Sie nicht vorhaben, den Täter sofort anzuzeigen (eine Anzeige ist bis zu 20 Jahre nach der Tat möglich), sollten Sie auf dieses Beweismittel nicht verzichten. Erklären Sie der Ärztin, dass Sie vergewaltigt wurden und dass alle Beweise genau gesichert werden müssen.
  • Lassen Sie sich auf jeden Fall eine Bescheinigung ausstellen, in der alle Ihre Verletzungen aufgeführt sind (Kratzer, Blutergüsse, schmerzende Stellen usw.). Machen Sie die Ärztin darauf aufmerksam, dass vollständige Angaben im Attest sehr wichtig sind.
  • Manche Blutergüsse zeigen sich erst nach einigen Tagen. Gehen Sie dann noch einmal zur Ärztin.
  • Lassen Sie sich auch Ihre psychische Verfassung (Schock usw.) attestieren.
  • Achten Sie darauf, dass die Schamhaare ausge­kämmt und aufbewahrt werden, dass die Scheide, der Eingangsbereich der Scheide und des Afters auf Verletzungen untersucht werden. Wichtig ist ein Abstrich (Scheide und After) zur Untersuchung auf Spermaspuren.
  • Lassen Sie einen Schwangerschaftsfrühtest durch­führen, um festzustellen, ob Sie vor der Vergewalti­gung schwanger waren. Es ist auch von Vorteil, wenn Sie eine Blutuntersuchung auf HIV-Viren durchführen lassen, um festzuhalten, dass Sie vor der Tat nicht mit AIDS infiziert waren. Diese Maßnahmen sind erforderlich, um später beweisen zu können, dass eine eventuelle Schwangerschaft bzw. HIV-Infektion auf die Vergewaltigung zurückzuführen war.
  • Falls Sie befürchten, durch die Vergewaltigung schwanger geworden zu sein, besprechen Sie die erforderlichen Maßnahmen mit Ihrer Ärztin, also z.B. die Einnahme der Pille danach (bis zu 48 Stunden nach der Tat), die Einsetzung einer Spirale (bis zu 5 Tagen nach der Tat).
  • Es besteht die Möglichkeit, zur Vorbeugung einer eventuell auftretenden Geschlechtskrankheit eine Sofortbehandlung einzuleiten. Eine Untersuchung auf Geschlechtskrankheiten ist ab ca. 10 Tagen nach der Tat durchführbar.
  • Falls möglich, fertigen Sie Fotos von Ihren Verlet­zungen an, bzw. bitten Sie Ihre Ärztin, eine Person Ihres Vertrauens oder eine Notrufmitarbeiterin darum.
  • Wenn Sie Angst vor AIDS haben, sollten Sie Kontakt zu einer AIDS-Beratungsstelle aufnehmen. Adressen stehen im Telefonbuch.
  • Wenn in der Folgezeit Beschwerden wie vermehrter Ausfluß, Jucken und Brennen in der Scheide und Harnröhre auftreten, suchen Sie Ihre Ärztin auf, damit ein erneuter Abstrich vorgenommen werden kann.
  • Sind Sie durch die Vergewaltigung schwanger geworden, so haben Sie das Recht auf einen Schwangerschaftsabbruch.

Anzeigeerstattung

Auch wenn es keine TatzeugInnen oder Beweismittel gibt, ist dies kein Hinderungsgrund für eine Straf­anzeige.

Wenn Sie sich zu einer Anzeige entschlossen haben:

Vergewaltigung ist ein Offizialdelikt, d.h. wenn Sie bei der Polizei Angaben gemacht haben, muß diese ermit­teln. Wenn Sie Ihre Anzeige später zurückneh­men, ermittelt die Polizei dennoch weiter.

  • Wenden Sie sich an eine erfahrene Rechtsanwältin. Bei geringem Einkommen werden die Kosten für die Beratung durch die Rechtsanwältin vom Staat über­nommen. Ihre Anwältin kann die Anzeige für Sie auch schriftlich erstatten. Das erspart Ihnen aber nicht die Verneh­mung.
  • Wenn Sie Anzeige erstatten möchten, gehen Sie möglichst bald zur Polizei. Es kann Ihnen später nachteilig ausgelegt werden, wenn Sie „gezögert“ haben. Wenn Sie den Täter nicht kennen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass er gefasst wird, umso höher, je eher Sie ihn anzeigen. Bei einem unbekannten Täter kann mit einer möglichst genauen Täterbe­schreibung sofort eine Fahndung eingeleitet werden.
  • Eine Anzeige ist Voraussetzung dafür, dass Ansprü­che nach dem Opferentschädigungsgesetz geltend gemacht werden können. Zu den möglichen Leistun­gen nach diesem Gesetz gehören beispielsweise Heilbehandlungsmaßnahmen, insbesondere eine Therapie.
  • Bei der Anzeigeerstattung sollte Ihre Anwältin, eine Person Ihres Vertrauens oder eine Mitarbeiterin des Frauennotrufs e.V. Sie begleiten.
  • Wenn Sie die Tat sofort anzeigen, kann es sein, dass die Polizei Sie zur ärztlichen Untersuchung in die Ambulanz des nächstgelegenen Krankenhauses brin­gen möchte. Sie haben aber auch dann das Recht, die Untersuchung in der Praxis einer Ärztin Ihrer Wahl vornehmen zu lassen.
  • Erfolgt die Anzeige gleich nach der Tat, darf die Polizei zunächst nur die notwendigsten Fragen zum Tatgeschehen, dem Tatort sowie dem Aussehen des Täters klären. Fragen nach dem Lebensstil / Vorleben und nach Details sind nicht erlaubt. Erst danach schaltet die Polizei die Kriminalpolizei ein, die die ausführliche Befragung durchführt.
  • Sie haben das Recht, von einer Beamtin vernom­men zu werden. Vorteilhaft ist es, vorher mit der zuständigen Beamtin einen Termin zu vereinbaren. Am besten erstatten Sie die Anzeige gleich bei der Kriminalpolizei. Dort sind die Chancen größer, weibli­ches Personal anzutreffen.
  • Die Vernehmung dauert unter Umständen sehr lange und kann sehr anstrengend sein. Sie haben das Recht, die Vernehmung abzubrechen, wenn Sie sich nicht mehr dazu in der Lage fühlen, und zu einem späteren Zeitpunkt fortzusetzen.
  • Es ist wichtig, daß Sie sich für Ihre Aussage Zeit nehmen und genau nachdenken, da diese Aussage für den Prozess von großer Bedeutung ist. Als hilfreich erweist sich hier Ihr eigenes Gedächtnisprotokoll.
  • Lesen Sie das polizeiliche Protokoll Ihrer Aussage genau durch. Lassen Sie alle Aussagen und Formulie­rungen ändern, die nicht genau das wiedergeben, was Sie ausgesagt haben. Unterschreiben Sie das Proto­koll nur, wenn es mit Ihrer Aussage vollständig über­einstimmt. Das ist wichtig für den späteren Prozess, in dem Ungenauigkeiten oder Widersprüche in Ihrer Aussage womöglich gegen Sie verwendet werden können, um Sie unglaubwürdig zu machen. Bitten Sie um eine Kopie des polizeilichen Verneh­mungsprotokolls.
  • Wenn Sie es vorher nicht getan haben, fertigen Sie jetzt noch ein eigenes Gedächtnisprotokoll der Tat an. Bis zu einem Gerichtsverfahren können viele Monate vergehen.
  • Fühlen Sie sich von einem Beamten oder einer Beamtin unangemessen behandelt, lassen Sie sich Name und Dienstnummer geben. Sie können eine Dienstaufsichtsbeschwerde einreichen oder sich an die Frauenbeauftragte der Polizei wenden.
  • Stellen Sie zusätzlich zur Strafanzeige Strafantrag aus allen rechtlichen Gesichtspunkten, um sämtliche in Betracht kommende Delikte verfolgen zu lassen.

Rechtsanwältin, Nebenklage und Prozeß

Wenden Sie sich, wenn Sie es nicht schon vor der Anzeige getan haben, danach auf jeden Fall an eine Rechtsanwältin, die für Sie Nebenklage erhebt. Nur so haben Sie die Chance, im Prozess richtig vertreten zu werden und zu Ihrem Recht zu kommen.

  • Ihre Anwältin kann möglicherweise verhindern, dass das Verfahren eingestellt wird, kann darauf achten, dass das Verfahren ordnungsgemäß betrieben wird, kann Akten einsehen und schon vor dem Prozess Beweisanträge stellen.
  • Bei einer Vergewaltigung kann die Nebenklage auch noch im laufenden Prozeß erhoben werden.
  • Ohne Nebenklage sind Sie im Prozess nur Zeugin, d.h. Sie können dann keinen Einfluß auf den Prozeßssverlauf nehmen. Durch die Nebenklage haben Sie und Ihre Anwältin das Recht, während des ganzen Prozesses im Gerichtssaal anwesend zu sein, Fragen an den Angeklagten und an ZeugInnen zu stellen, unsachliche Fragen abzulehnen, eigene Beweis­anträge zu stellen, ein Plädoyer zu halten, Rechts­mittel gegen das Urteil einzulegen.
  • Im Rahmen des Prozesses können Sie auch zivil­rechtliche Schadensersatz- und Schmerzensgeld­ansprüche geltend machen.
  • Möglicherweise wird vom Gericht verlangt, dass Sie sich einem Gespräch mit einer Psychologin / einem Psychologen unterziehen, damit Ihre Glaubwürdigkeit begutachtet werden kann. Verpflichtet sind Sie dazu nicht. Ein solches Gutachten kann sowohl Nach- als auch Vorteile für Sie haben. Sprechen Sie darüber mit Ihrer Anwältin oder einer Notrufmitarbeiterin.
  • Sie haben die Möglichkeit, sich von Notrufmitarbei­terinnen auf den Prozess vorbereiten zu lassen. Wir können den Prozessablauf im Rollenspiel durchspielen und Sie mit Fragen vertraut machen, die wahrschein­lich auf Sie zukommen. Auf Wunsch begleitet Sie der Notruf während der gesamten Prozessdauer. Wir informieren Sie über den Prozessablauf, die Neben­klage und die Möglichkeit einer Übernahme der Prozesskosten.
  • Als Zeugin werden Ihnen Fahrtkosten und Lohn­ausfälle unabhängig vom Ausgang des Verfahrens erstattet. Die Kosten Ihrer Rechtsanwältin im Fall der Nebenklage muß der Angeklagte zahlen, wenn er verurteilt wird. Sollte der Angeklagte nicht verurteilt werden oder die Kosten aus Geldmangel nicht aufbringen können, müssten Sie die Kosten Ihrer Rechtsanwältin selbst tragen. Lassen Sie sich aber davon nicht abschrecken, zu einer Anwältin zu gehen und Nebenklage zu erheben. Bei geringem Einkommen haben Sie Anspruch auf Prozesskostenhilfe. Diese kann über Ihre Anwältin beantragt werden.