Der doch nicht

Erschreckend oft haben wir bei unserer Aktion bisher gelesen, wie selten die von sexualisierter Gewalt Betroffenen davon ausgehen, dass man ihnen Glauben schenken würde. Zu oft. Würden Sie?

Das Bild vom Täter, das in unserer Gesellschaft vorherrscht, ist das Bild eines geistig gestörten Unbekannten.

Diese Täter gibt es, ja, doch in den meisten Fällen sind die Täter bekannt, kommen aus dem Umfeld des Opfers, und – und da fängt es für die Gesellschaft an kritisch zu werden – auch aus dem Umfeld derjenigen, denen es erzählt werden könnte. Uns.

Deswegen möchten wir weiter an diesem Bild vom bösen Unbekannten festhalten, denn es schützt. Es schützt uns in unserem Umfeld, es schützt unsere Vorstellung von einer halbwegs heilen Welt und nicht zuletzt die Täter. Es schützt nur eine Gruppe nicht – die Betroffenen.

Sie werden mit dem, was sie erlebt haben, alleine gelassen. Niemand möchte es hören. Niemand will glauben, dass der coole Typ aus der Clique, der immer so freundliche Nachbar, der beste Freund, der eigene Bruder, Vater, Onkel zu so etwas imstande wäre.

Der doch nicht, den kennt man doch, den mag man doch, der ist doch ganz normal.

Ja, das ist er, ganz normal: Im Verein, in der Clique, im Büro, auf dem Fußballfeld, am Tisch beim Abendbrot, da ist er ganz normal. Nur war er es eben nicht, als er vergewaltigt hat – die Tochter, die Schwester, die Nichte, die Mutter, die Freundin, die Bekannte, die Frau im Supermarkt, die Ärztin, Managerin, Arbeitslose, den Bruder, Sohn oder Cousin.

Diese Normalität macht es so schwer, den Betroffenen zu glauben, denn es raubt uns unsere Sicherheit, die Sicherheit, dass wir ganz bestimmt niemanden kennen, der zu so etwas fähig ist. Wir doch nicht.

Und damit machen wir sie mundtot – die Betroffenen, es wird ihnen nicht erlaubt, an unserem Bild von einem netten und anständigen Umfeld zu rütteln.

Doch der Preis dafür ist hoch! Sehr hoch sogar.

Für die Betroffenen, die wir mit unserer Ignoranz alleine lassen, so dass sie kaum einen anderen Weg finden, als sich in Scham zu flüchten.
Und für unsere Töchter, Söhne, FreundInnen, KollegInnen…

Unsere Ignoranz gestattet es den Tätern nämlich weiter Täter zu sein. Anstatt dafür zu sorgen, dass sie für dieses Verbrechen büßen müssen, werden die Opfer beschuldigt und ausgegrenzt.
Und warum?
Weil es einfacher ist. Für uns.

Doch wollen wir in einer solchen Gesellschaft leben? Wollen wir uns mitschuldig machen, indem wir die Betroffenen nicht sehen oder hören wollen? Wollen wir den Tätern und auch Täterinnen erlauben weiterzumachen? Wollen wir noch mehr Opfer?

Oder haben wir den Mut der Wahrheit ins Gesicht zu sehen?
Sexualisierte Gewalt ist überall zu finden. Sie ist normal, weil wir das zulassen.

– Daniela Oerter –

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